Ein Brief an eine Kollegin
wegen einer
Heilbronner Pornodarstellerin
Werte Kollegin Iris Baars-Werner,
zunächst
einmal möchte ich mich für Deine E-Mail bedanken. Auch wenn Du mir das
vielleicht nicht glaubst.
Ich sei tief
gesunken, bescheinigst Du mir. Da ich Dich telefonisch nicht erreiche, nehme
ich einmal an, dass Du mich nicht anhören willst. Deshalb schreibe ich Dir
jetzt noch einmal – ein wenig ausführlicher. Gib mir wenigstens die faire
Chance, Dir etwas sagen zu können, bzw. schreiben zu können.
Zu unserem „Schmierenstück
über die junge Türkin“ kann ich nur sagen: Die Verantwortung dafür liegt voll
bei mir – da hast Du bestimmt recht.
Wenn eine
junge Türkin aus Heilbronn-Böckingen während ihrer Zeit als
Verwaltungsangestellte auf dem Heilbronner Rathaus Pornofilme dreht, dann die
Stadt verlässt (die Gründe dafür hat sie ausführlich in einem Interview mit der
„Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ dargelegt), auf der Straße für einen
seriösen Film als Schauspielerin sozusagen aufgegriffen wird, der dann auch
noch einen „Goldenen Bären“ bei der Berlinale 2004 erhält, dann ist das
insgesamt gesehen bestimmt eine Geschichte für das echo.
Nebenaspekt:
Wenn die mit ihr gedrehten Pornofilme noch auf dem Markt erhältlich sind, die
Nackt- und Geschlechtverkehrsbilder von ihr im Internet breitest angepriesen
werden, dann kennt nicht nur das vernetzte Heilbronn diese junge Dame
detailliert, sondern ganz Deutschland. Das Medium „Internet“ ist schnell und
umfassend, das wissen wir beide hoffentlich. Schneller als die Tages- oder
Wochenzeitung.
Wenn ein
junger deutscher Mann aus Heilbronn-Neckargartach, Mitarbeiter der städtischen
Müllabfuhr, Pornofilme drehen würde, dann die Stadt verlässt, als
schauspielerisches Naturtalent auf der Straße entdeckt wird, als Hauptdarsteller
in einem Spielfilm mitarbeitet, der auch noch mit einem Preis gekrönt wird,
dann wäre auch das eine echo-Story – und kein Schmierenstück.
Der junge
Mann könnte auch nach seinem Studium ein Volontariat bei der „Heilbronner
Stimme“ gemacht haben, währenddessen Pornofilme drehen, und später als
Schauspieler für seriöse Filme entdeckt worden sein – auch das wäre eine
interessante Story für das echo – und kein Schmierenstück.
Ob dieser
Mensch nun eine Frau, eine junge Türkin aus Böckingen, ein Mann, ein Stimme-Volontär
oder Stadttheater-Schauspieler sei - all
das spielt keine Rolle. Die Geschichte muss stimmen. Ich hoffe, dass wir uns in
diesem Punkte einig sind.
Bei uns im
echo stimmte sie nicht ganz.
Als die erste
echo am Mittwoch-Geschichte in Arbeit war, befand ich mich noch im Urlaub. Man
rief mich wegen des Wortes „Ficken“ an, das in einigen Porno-Filmtiteln der
jungen Türkin vorkam. Da ich weiß, dass „Der Spiegel“, die FAZ oder „Focus“
dieses Wort im Zitat ausschreiben, mir aber nicht geläufig war, wie das Haus
„Heilbronner Stimme“ einem solchen Fall verfährt, rief ich unseren Verleger
Tillmann Distelbarth an. Wir einigten uns auf die Schreibweise „F...“, weil das
echo keine Kaufzeitung ist, die vom Leser gewollt und bewusst käuflich
erstanden wird – eine Zeitung, für die der Leser sich freiwillig entscheidet –
wie zum Beispiel auch die „Heilbronner Stimme“.
Am nächsten
Tag bei der A6-Vorstellung bei Audi in Neckarsulm sprach ich deshalb an und
wollte auf nicht ganz geglückte – „lässige“ – Art von Dir wissen, wie Du Dich
in dieser Frage entschieden hättest, oder was du rätst. Deine Antwort war mehr
ein abruptes Abwenden.
Am Samstag
sollte für die Ausgabe des „echo am Sonntag“ nochmals eine Zusammenfassung
geschrieben werden. In der Mittagskonferenz wurde dies eindeutig von mir
festgelegt. Mit dem Hinweis, dass wir keine Story über Porno-Verleger oder
Porno-Händler veröffentlichen wollen. Da ich am Abend einen privaten Termin,
eine Geburtstagsfeier, hatte, konnte ich die Geschichte nicht noch vor Drucklegung
lesen. Ich hatte mich guten Glaubens auf meinen Redakteur verlassen.
Der hatte
recherchiert – aber seine beiden Quellen in den Vordergrund gestellt. Das ließ
die Geschichte in einer Schieflage geraten. Ich hatte meinem Redakteur meine
Kritik an der Geschichte am darauffolgenden Montag nochmals schriftlich
mitgeteilt.
Die
Interview-Meldung „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung-Gespräch mit Frau
Kekilli“ kam erst spät, kurz nach 18 Uhr - und nur bei dpa. Sie wurde auch
nicht vom Redakteur registriert. Und deshalb konnte sie nicht – wie von mir
vorgesehen, dass noch Agenturmaterial in dem Artikel verarbeitet wird –
verwendet werden.
Am
darauffolgenden Montag brach dann eine Leserbrief-Flut und Anrufe-Flut über
mich herein – wie Du ja unschwer dem „echo am Mittwoch“ entnehmen konntest.
Nicht fein und abgewogen in der Argumentation,
sondern plump und ideologisch in selbstgefällige Wolle gefärbt – aus
linken bis rechten Sprachrohren dröhnend.
Das alles
heißt nicht, dass ich nicht verantwortlich für die Kekilli-Stories im echo bin.
Du kannst und sollst mich ruhig voll und
ganz dafür verantwortlich machen.
Ich wollte
Dir mit meinen Erklärungen nur ein wenig Verständnis abringen – und Dir meine
Darstellung der Dinge ein wenig differenzierter nahe bringen.
Allerdings
bin ich auch der Ansicht, dass gewisse Dogmatiker von Emanzipationswellen jetzt
in Erklärungsnot geraten sind.
Da wird eine
junge Frau, Türkin, Nichtkopftuchträgerin, freizügig in ihrem sexuellen
Verhalten, von der Straße weg für einen hochwertigen Film eines
deutsch-türkischen Regisseurs engagiert - sozusagen ein Naturtalent. Und dieser
Streifen, in dem von der jungen Frau sehr freizügig über Sexualität gesprochen
wird, in dem sie sich nackt zeigt, auch aktiv in Geschlechtsverkehrsszenen,
wird dazu hin noch mit dem „Goldenen Bären“ ausgezeichnet. Von einer
internationalen Jury. Ein deutsch-türkischer Film. Endlich: Nach zig Jahren –
eine Auszeichnung. Das ist doch ein Lichtblick, ein Zeichen für den Fortschritt
in deutschen Landen, für die deutsche Kultur. Sozusagen geadelter Multikulti .
Da jubelt das Herz eines jeden Emanzipationswilligen und Fortschrittsgläubigen.
Und dann ein
Tag später: Die Schmach.
Die junge
Frau entpuppt sich nicht als Laie in der Schauspielerei, sie hat zuvor rund
neun Pornofilme gedreht. Für Ideologen kann und darf die zunächst freudig
formulierte Argumentation jetzt nicht plötzlich falsch sein. Andererseits darf
man aber auch nicht ihre Porno-Filme plötzlich gut finden.
Und da kein
bösartiger, peitschenschwingender, vergewaltigender Zuhälter auftaucht, der
Frau Kekilli gezwungen hat, Porno-Filme zu drehen, um sich einen schönen Tag
mit ihrer schwer verdienten Kohle zu machen, deckt der Ideologe seinen Mantel
der vermeintlich christlichen Barmherzigkeit und Nächstenliebe über die
Vergangenheit der Frau Kekilli. Und wirft den Boulevard-Medien vor, sie
betreiben Hetze, wollen der Porno-Industrie nur finanziell in die Hände spielen, die Emanzipation der
jungen Türkin von ihrer patriarchalisch-geprägten, muslimischen Vergangenheit
nur hintertreiben.
Das Motto
kennen wir seit der Antike: Der Überbringer der schlechten Botschaft trägt die
Schuld – und wird geköpft.
Dieses Spiel
ist durchsichtig – und bösartig, hinterhältig, gemein, ideologisch verbrämt.
Kurz: Verachtenswert.
Wenn Frau
Kekilli und ihr Regisseur glaubten, dass die Porno-Vergangenheit in seligem
Schlummer ruht, nur weil sie beide es so
wollen, dann sind sie entweder dumm, naiv oder berechnend. Ich glaube – ohne
dafür Beweise zu haben, Letzteres ist der Fall.
Eine derart
breit angelegte Werbekampagne für einen Film im größten deutschen
Boulevard-Medium hat es noch nie gegeben. Dass gleichzeitig auch noch kostenlos
Werbung in vielen Zeitungen und Fernsehsendungen für die neun Pornofilme der
Frau Kekilli gemacht wurde, das ist als lukratives Abfallprodukt zu werten. Da
stellt sich mir die naive Frage, wer verdient an was wie viel, was gehört wem,
wer ist an was beteiligt.
Dessen
ungeachtet sind die Fehler, die das echo bei der Kekilli-Berichterstattung gemacht
hat, nicht wegzureden oder wegzudiskutieren. Ich habe versucht, mit den Zitaten
aus dem Kekilli-Interview („Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“) dann im
„echo am Mittwoch“ eine gewisse Balance zu finden.
Noch ein Wort
zu Porno-Filmen: Ich sagte Dir ja schon, dass ich dafür „kein Organ“ besitze.
Wahrscheinlich bin ich „pervers“, dass sie mich nicht anmachen.
Geschlechtsakte, ob Mann-Frau, Frau-Frau oder Mann-Mann oder gar im Rudel, auf
einer Leinwand oder auf dem Bildschirm bringen mir nichts, rein gar nichts. Ich
liebe es schlicht und direkt fleischlich.
Deshalb
verurteile ich aber niemanden, der solche Dinge herstellt, sich gern anschaut
und dabei niemanden belästigt. Mir ist es weitaus lieber, dass sich Menschen
Pornos anschauen, als Kinder, Jugendliche, Frauen oder Männer zu vergewaltigen
oder sexuell zu nötigen. Wenn es diesen Alternative geben sollte.
Ich werde
auch keinen „naturgeilen“ Menschen verurteilen. Ich weiß um den Don-Juanismus
als Krankheit beim Mann. Ein Mann, der sexsüchtig, nicht genug
Geschlechtsverkehr kriegen kann, mehrmals in der Woche Partner wechselt, etc.
Die Krankheit soll es übrigens auch bei Frauen geben.
Aber Sexsucht
muss es nicht sein, wenn jemand gern Verkehr hat – wie Frau Kekilli, oder
andere Frauen und Männer in der Porno-Industrie. Es macht ihnen einfach Spaß,
es ist ihr Beruf – sie leben davon. Ich bin nicht berufen, das zu verurteilen.
Vielmehr meine ich, dass ihr Tun eine sinnvolle gesellschaftliche Funktion
erfüllt – wie ein Bordell auch.
Nur: Mich hat
es sehr geschmerzt, dass Du, liebe Iris, so herablassend und vernichtend über
mich in Deiner Mail vom 24. Februar geurteilt, ja mich verurteilt hast.
Ich hatte
nicht die geringste Absicht, mit Dir über meine Arbeit oder über andere Dinge
in Streit zu geraten. Im Gegenteil, ich hege große Sympathie für Dich– und
hoffe, dass dieses Gefühl anhält.
Dass von
Deiner Seite eine gewisse Abneigung gegen mich und meine Arbeit besteht, das
habe ich wohl festgestellt. Damit muss ich leben.
Mit diesem
Brief wollte ich Dich nur um eine faire Auseinandersetzung bitten, wenn sie
denn schon sein muss. Ich hätte nie gedacht, dass Du mich so einschätzt, wie Du
es in Deinen wenigen Zeilen vom letzten Dienstag dargelegt hast. Und das hat
mich erschreckt und traurig gemacht.
29.02.2004