Sonntag, 30. März 2014

Sibel Kekilli - als Natur-Erlebnis (2004)

Ein Brief an eine Kollegin
wegen einer
Heilbronner Pornodarstellerin 

Werte Kollegin Iris Baars-Werner,

zunächst einmal möchte ich mich für Deine E-Mail bedanken. Auch wenn Du mir das vielleicht nicht glaubst.

Ich sei tief gesunken, bescheinigst Du mir. Da ich Dich telefonisch nicht erreiche, nehme ich einmal an, dass Du mich nicht anhören willst. Deshalb schreibe ich Dir jetzt noch einmal – ein wenig ausführlicher. Gib mir wenigstens die faire Chance, Dir etwas sagen zu können, bzw. schreiben zu können.

Zu unserem „Schmierenstück über die junge Türkin“ kann ich nur sagen: Die Verantwortung dafür liegt voll bei mir – da hast Du bestimmt recht.

Wenn eine junge Türkin aus Heilbronn-Böckingen während ihrer Zeit als Verwaltungsangestellte auf dem Heilbronner Rathaus Pornofilme dreht, dann die Stadt verlässt (die Gründe dafür hat sie ausführlich in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ dargelegt), auf der Straße für einen seriösen Film als Schauspielerin sozusagen aufgegriffen wird, der dann auch noch einen „Goldenen Bären“ bei der Berlinale 2004 erhält, dann ist das insgesamt gesehen bestimmt eine Geschichte für das echo.

Nebenaspekt: Wenn die mit ihr gedrehten Pornofilme noch auf dem Markt erhältlich sind, die Nackt- und Geschlechtverkehrsbilder von ihr im Internet breitest angepriesen werden, dann kennt nicht nur das vernetzte Heilbronn diese junge Dame detailliert, sondern ganz Deutschland. Das Medium „Internet“ ist schnell und umfassend, das wissen wir beide hoffentlich. Schneller als die Tages- oder Wochenzeitung.

Wenn ein junger deutscher Mann aus Heilbronn-Neckargartach, Mitarbeiter der städtischen Müllabfuhr, Pornofilme drehen würde, dann die Stadt verlässt, als schauspielerisches Naturtalent auf der Straße entdeckt wird, als Hauptdarsteller in einem Spielfilm mitarbeitet, der auch noch mit einem Preis gekrönt wird, dann wäre auch das eine echo-Story – und kein Schmierenstück.

Der junge Mann könnte auch nach seinem Studium ein Volontariat bei der „Heilbronner Stimme“ gemacht haben, währenddessen Pornofilme drehen, und später als Schauspieler für seriöse Filme entdeckt worden sein – auch das wäre eine interessante Story für das echo – und kein Schmierenstück.

Ob dieser Mensch nun eine Frau, eine junge Türkin aus Böckingen, ein Mann, ein Stimme-Volontär oder Stadttheater-Schauspieler sei  - all das spielt keine Rolle. Die Geschichte muss stimmen. Ich hoffe, dass wir uns in diesem Punkte einig sind.

Bei uns im echo stimmte sie nicht ganz.

Als die erste echo am Mittwoch-Geschichte in Arbeit war, befand ich mich noch im Urlaub. Man rief mich wegen des Wortes „Ficken“ an, das in einigen Porno-Filmtiteln der jungen Türkin vorkam. Da ich weiß, dass „Der Spiegel“, die FAZ oder „Focus“ dieses Wort im Zitat ausschreiben, mir aber nicht geläufig war, wie das Haus „Heilbronner Stimme“ einem solchen Fall verfährt, rief ich unseren Verleger Tillmann Distelbarth an. Wir einigten uns auf die Schreibweise „F...“, weil das echo keine Kaufzeitung ist, die vom Leser gewollt und bewusst käuflich erstanden wird – eine Zeitung, für die der Leser sich freiwillig entscheidet – wie zum Beispiel auch die „Heilbronner Stimme“.

Am nächsten Tag bei der A6-Vorstellung bei Audi in Neckarsulm sprach ich deshalb an und wollte auf nicht ganz geglückte – „lässige“ – Art von Dir wissen, wie Du Dich in dieser Frage entschieden hättest, oder was du rätst. Deine Antwort war mehr ein abruptes Abwenden.

Am Samstag sollte für die Ausgabe des „echo am Sonntag“ nochmals eine Zusammenfassung geschrieben werden. In der Mittagskonferenz wurde dies eindeutig von mir festgelegt. Mit dem Hinweis, dass wir keine Story über Porno-Verleger oder Porno-Händler veröffentlichen wollen. Da ich am Abend einen privaten Termin, eine Geburtstagsfeier, hatte, konnte ich die Geschichte nicht noch vor Drucklegung lesen. Ich hatte mich guten Glaubens auf meinen Redakteur verlassen.

Der hatte recherchiert – aber seine beiden Quellen in den Vordergrund gestellt. Das ließ die Geschichte in einer Schieflage geraten. Ich hatte meinem Redakteur meine Kritik an der Geschichte am darauffolgenden Montag nochmals schriftlich mitgeteilt.

Die Interview-Meldung „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung-Gespräch mit Frau Kekilli“ kam erst spät, kurz nach 18 Uhr - und nur bei dpa. Sie wurde auch nicht vom Redakteur registriert. Und deshalb konnte sie nicht – wie von mir vorgesehen, dass noch Agenturmaterial in dem Artikel verarbeitet wird – verwendet werden.

Am darauffolgenden Montag brach dann eine Leserbrief-Flut und Anrufe-Flut über mich herein – wie Du ja unschwer dem „echo am Mittwoch“ entnehmen konntest. Nicht fein und abgewogen in der Argumentation,  sondern plump und ideologisch in selbstgefällige Wolle gefärbt – aus linken bis rechten Sprachrohren dröhnend.

Das alles heißt nicht, dass ich nicht verantwortlich für die Kekilli-Stories im echo bin. Du kannst und sollst mich ruhig  voll und ganz dafür verantwortlich machen.

Ich wollte Dir mit meinen Erklärungen nur ein wenig Verständnis abringen – und Dir meine Darstellung der Dinge ein wenig differenzierter nahe bringen.

Allerdings bin ich auch der Ansicht, dass gewisse Dogmatiker von Emanzipationswellen jetzt in Erklärungsnot geraten sind.

Da wird eine junge Frau, Türkin, Nichtkopftuchträgerin, freizügig in ihrem sexuellen Verhalten, von der Straße weg für einen hochwertigen Film eines deutsch-türkischen Regisseurs engagiert - sozusagen ein Naturtalent. Und dieser Streifen, in dem von der jungen Frau sehr freizügig über Sexualität gesprochen wird, in dem sie sich nackt zeigt, auch aktiv in Geschlechtsverkehrsszenen, wird dazu hin noch mit dem „Goldenen Bären“ ausgezeichnet. Von einer internationalen Jury. Ein deutsch-türkischer Film. Endlich: Nach zig Jahren – eine Auszeichnung. Das ist doch ein Lichtblick, ein Zeichen für den Fortschritt in deutschen Landen, für die deutsche Kultur. Sozusagen geadelter Multikulti . Da jubelt das Herz eines jeden Emanzipationswilligen und Fortschrittsgläubigen.

Und dann ein Tag später: Die Schmach.

Die junge Frau entpuppt sich nicht als Laie in der Schauspielerei, sie hat zuvor rund neun Pornofilme gedreht. Für Ideologen kann und darf die zunächst freudig formulierte Argumentation jetzt nicht plötzlich falsch sein. Andererseits darf man aber auch nicht ihre Porno-Filme plötzlich gut finden.

Und da kein bösartiger, peitschenschwingender, vergewaltigender Zuhälter auftaucht, der Frau Kekilli gezwungen hat, Porno-Filme zu drehen, um sich einen schönen Tag mit ihrer schwer verdienten Kohle zu machen, deckt der Ideologe seinen Mantel der vermeintlich christlichen Barmherzigkeit und Nächstenliebe über die Vergangenheit der Frau Kekilli. Und wirft den Boulevard-Medien vor, sie betreiben Hetze, wollen der Porno-Industrie nur finanziell  in die Hände spielen, die Emanzipation der jungen Türkin von ihrer patriarchalisch-geprägten, muslimischen Vergangenheit nur hintertreiben.

Das Motto kennen wir seit der Antike: Der Überbringer der schlechten Botschaft trägt die Schuld – und wird geköpft.

Dieses Spiel ist durchsichtig – und bösartig, hinterhältig, gemein, ideologisch verbrämt. Kurz: Verachtenswert.

Wenn Frau Kekilli und ihr Regisseur glaubten, dass die Porno-Vergangenheit in seligem Schlummer  ruht, nur weil sie beide es so wollen, dann sind sie entweder dumm, naiv oder berechnend. Ich glaube – ohne dafür Beweise zu haben, Letzteres ist der Fall.

Eine derart breit angelegte Werbekampagne für einen Film im größten deutschen Boulevard-Medium hat es noch nie gegeben. Dass gleichzeitig auch noch kostenlos Werbung in vielen Zeitungen und Fernsehsendungen für die neun Pornofilme der Frau Kekilli gemacht wurde, das ist als lukratives Abfallprodukt zu werten. Da stellt sich mir die naive Frage, wer verdient an was wie viel, was gehört wem, wer ist an was beteiligt.

Dessen ungeachtet sind die Fehler, die das echo bei der Kekilli-Berichterstattung gemacht hat, nicht wegzureden oder wegzudiskutieren. Ich habe versucht, mit den Zitaten aus dem Kekilli-Interview („Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“) dann im „echo am Mittwoch“ eine gewisse Balance zu finden.

Noch ein Wort zu Porno-Filmen: Ich sagte Dir ja schon, dass ich dafür „kein Organ“ besitze. Wahrscheinlich bin ich „pervers“, dass sie mich nicht anmachen. Geschlechtsakte, ob Mann-Frau, Frau-Frau oder Mann-Mann oder gar im Rudel, auf einer Leinwand oder auf dem Bildschirm bringen mir nichts, rein gar nichts. Ich liebe es schlicht und direkt fleischlich.

Deshalb verurteile ich aber niemanden, der solche Dinge herstellt, sich gern anschaut und dabei niemanden belästigt. Mir ist es weitaus lieber, dass sich Menschen Pornos anschauen, als Kinder, Jugendliche, Frauen oder Männer zu vergewaltigen oder sexuell zu nötigen. Wenn es diesen Alternative geben sollte.

Ich werde auch keinen „naturgeilen“ Menschen verurteilen. Ich weiß um den Don-Juanismus als Krankheit beim Mann. Ein Mann, der sexsüchtig, nicht genug Geschlechtsverkehr kriegen kann, mehrmals in der Woche Partner wechselt, etc. Die Krankheit soll es übrigens auch bei Frauen geben.

Aber Sexsucht muss es nicht sein, wenn jemand gern Verkehr hat – wie Frau Kekilli, oder andere Frauen und Männer in der Porno-Industrie. Es macht ihnen einfach Spaß, es ist ihr Beruf – sie leben davon. Ich bin nicht berufen, das zu verurteilen. Vielmehr meine ich, dass ihr Tun eine sinnvolle gesellschaftliche Funktion erfüllt – wie ein Bordell auch.

Nur: Mich hat es sehr geschmerzt, dass Du, liebe Iris, so herablassend und vernichtend über mich in Deiner Mail vom 24. Februar geurteilt, ja mich verurteilt hast.

Ich hatte nicht die geringste Absicht, mit Dir über meine Arbeit oder über andere Dinge in Streit zu geraten. Im Gegenteil, ich hege große Sympathie für Dich– und hoffe, dass dieses Gefühl anhält.

Dass von Deiner Seite eine gewisse Abneigung gegen mich und meine Arbeit besteht, das habe ich wohl festgestellt. Damit muss ich leben.

Mit diesem Brief wollte ich Dich nur um eine faire Auseinandersetzung bitten, wenn sie denn schon sein muss. Ich hätte nie gedacht, dass Du mich so einschätzt, wie Du es in Deinen wenigen Zeilen vom letzten Dienstag dargelegt hast. Und das hat mich erschreckt und traurig gemacht.

29.02.2004



Mittwoch, 19. Februar 2014

echo-splitter - Schiller Büste und die Räuber (2005)

Schillers Büste und die Räuber im Theater Heilbronn

Ein Kultur-Schultes und die Räuber

Von Jürgen Dieter Ueckert

INTRIGE und Macht sind Bestandteile von Politik - auch im kommunalen Bereich. Harry Mergel, SPD-Fraktionschef im Heilbronner Gemeinderat, soll neuer Kultur-Bürgermeister werden. Laut Vereinbarung zwischen CDU und SPD. Die neue Fraktion aus Freien Wählern und Liberalen (6 Sitze) hätte mit der CDU (16 Sitze) zusammen eine Mehrheit. Nico Weinmann, Stadtrat aus dem Lager der Frei-Liberalen, stand schon bereit. Aber das "bürgerliche Lager" hatte sich bei der Abstimmung über den Theaterhaushalt selbst gesprengt: Die Frei-Liberalen stimmten mit der SPD gegen CDU und OB. Sicherheit gegen Lavieren, lautet jetzt der schwarz-rote Kampfruf.

SCHURKEN und Gutmenschen vermengen sich in Friedrich Schillers Die Räuber. 1759 wurde der spätere deutsche Klassiker in Marbach geboren; 1805 starb er in Weimar. Die Arbeit an dem Sturm- und Drang-Drama Die Räuber begann er mit 18; Uraufführung war am 13. Januar 1782 in Mannheim. Goethes Urteil über die Räuber: "Rohe Großheit, gezeugt im widernatürlichen Beischlaf der Subordination mit dem Genie."

BEIM SCHULTES-POKER in Heilbronn opfert die SPD ihren Baubürgermeister Ulrich Frey (57), um Harry Mergel (49) zunächst als Nachfolger des CDU-Ordnungsbürgermeisters Artur Kübler (57), ab 2006 dann als Kultur-Bürgermeister durchzusetzen. Die Stillosigkeit, mit der Frey der Stuhl vor die Tür gesetzt wurde, hat mit der vielbeschworenen Solidarität unter Genossen nichts zu tun. Mehr mit der Politik-Steigerung: Feind, Todfeind, Parteifreund. Jetzt wird den Genossen vorgeworfen, dass bei ihrer Politik Charakter zur Nebensache verkomme.

DAS THEATER glich einem Irrenhause, rollende Augen, geballte Fäuste, heisere Aufschreie im Zuschauerraum. Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Tür. Es war eine allgemeine Auflösung wie ein Chaos, aus dessen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht." So ein Premierenbesucher über die Mannheimer Uraufführung von Schillers Räubern. Nichts davon am Freitagabend in und nach der Premiere der Räuber-Inszenierung von Andreas Nathusius am Heilbronner Stadttheater.FREUDE über die Entscheidung für den SPD-Mann war auch beim Jahresempfang des Heilbronner Theatervereins hörbar. Hanne Jacobi, die Vorsitzende: "Bei Harry Mergel, da bin ich überzeugt, ist die Kultur, und damit auch unser Theater in besten Händen. Ich frage mich allerdings, warum diese Lösung nicht schon 2005 praktiziert wird." - Auch Dr. Martin Roeder-Zerndt, Intendant des Stadttheaters, war die Freude ins Gesicht geschrieben. Am Freitag war er noch fest davon überzeugt, dass Harry Mergel im Juni 2005 Kulturdezernent wird. Das Rathaus dementierte am gleichen Tag jedoch diese Vermutung. Der designierte Kulturdezernent bei der Räuber-Premiere: "Darüber wird momentan gesprochen."

DIE BÜSTE Friedrich Schillers, die zunächst auf der Allee, dann von 1960 bis 1993 hinter der Harmonie stand und lange im Museumsmagazin ihr Dasein fristete, wurde am Freitag (28. Februar 2005), kurz vor der Räuber-Premiere, als Leihgabe im Foyer des Stadttheaters aufgestellt. Die Idee wurde beim Jahresempfang des Theatervereins geboren - und ganz unbürokratisch in die Realität umgesetzt.

BLUT, STEINE, NACKTHEIT - das erinnerte Premierenbesucher doch stark an Theateraufführungen, die sie vor 25 Jahren in Berlin gesehen hatten. Die Heilbronner Räuber-Inszenierung gebiert keine neuen Sehweisen, sondern karikiert den Olympier Schiller gelegentlich. Wenn Schiller hören würde, an welchen Stellen in Heilbronn gelacht wird, er würde ... Die Schauspieler geben kaum Dialoge, sondern deklamieren ihre Texte vielfach frontal ins Publikum: die Bühne als moralische Anstalt. Eine saufende Studentenhorde, die stark an schlagende Verbindungen erinnert, mutiert wie selbstverständlich zur terroristischen (Räuber-)Bande. Die Brüder Franz und Karl sind in dieser Interpretation gleichermaßen un- und sympathisch. Folgerichtig liefert sich Räuberhauptmann Karl Moor auch nicht zum Schluss der Justiz aus, sondern opfert lediglich seine Geliebte der Bande: "Ich habe Euch einen Engel geschlachtet."

RACHE PUR für ihr unerfülltes Leben leitet die Brüder Moor in Heilbronn. Die Inszenierung erinnert an Filme: Obelix und Asterix mit Felsen balancierend, die Robin-Hood-Persiflage "Helden in Strumpfhosen" steht Pate bei der Räuber-Kostümierung, die Racheengel aus "Dogma" geistern über die Bühne, und Hannibal Lecters Leichen aus dem "Schweigen der Lämmer" garnieren den Bühnenhimmel. Alles durchaus erlaubt und sinnvoll, um Schillers Räuber-Horror für heutige Zuschauer anschaulicher zu machen.

SCHAUSPIELER sind die Attraktion dieser Räuber-Inszenierung. Schauen, Lauschen, Staunen - das und noch viel mehr rufen die durchweg guten Leistungen der Akteure beim Zuschauer hervor. An der Spitze ein spielwütiger Franz Moor des Benjamin Hille.

echo am Sonntag, 30.02.2005