Mittwoch, 19. Februar 2014

echo-splitter - Schiller Büste und die Räuber (2005)

Schillers Büste und die Räuber im Theater Heilbronn

Ein Kultur-Schultes und die Räuber

Von Jürgen Dieter Ueckert

INTRIGE und Macht sind Bestandteile von Politik - auch im kommunalen Bereich. Harry Mergel, SPD-Fraktionschef im Heilbronner Gemeinderat, soll neuer Kultur-Bürgermeister werden. Laut Vereinbarung zwischen CDU und SPD. Die neue Fraktion aus Freien Wählern und Liberalen (6 Sitze) hätte mit der CDU (16 Sitze) zusammen eine Mehrheit. Nico Weinmann, Stadtrat aus dem Lager der Frei-Liberalen, stand schon bereit. Aber das "bürgerliche Lager" hatte sich bei der Abstimmung über den Theaterhaushalt selbst gesprengt: Die Frei-Liberalen stimmten mit der SPD gegen CDU und OB. Sicherheit gegen Lavieren, lautet jetzt der schwarz-rote Kampfruf.

SCHURKEN und Gutmenschen vermengen sich in Friedrich Schillers Die Räuber. 1759 wurde der spätere deutsche Klassiker in Marbach geboren; 1805 starb er in Weimar. Die Arbeit an dem Sturm- und Drang-Drama Die Räuber begann er mit 18; Uraufführung war am 13. Januar 1782 in Mannheim. Goethes Urteil über die Räuber: "Rohe Großheit, gezeugt im widernatürlichen Beischlaf der Subordination mit dem Genie."

BEIM SCHULTES-POKER in Heilbronn opfert die SPD ihren Baubürgermeister Ulrich Frey (57), um Harry Mergel (49) zunächst als Nachfolger des CDU-Ordnungsbürgermeisters Artur Kübler (57), ab 2006 dann als Kultur-Bürgermeister durchzusetzen. Die Stillosigkeit, mit der Frey der Stuhl vor die Tür gesetzt wurde, hat mit der vielbeschworenen Solidarität unter Genossen nichts zu tun. Mehr mit der Politik-Steigerung: Feind, Todfeind, Parteifreund. Jetzt wird den Genossen vorgeworfen, dass bei ihrer Politik Charakter zur Nebensache verkomme.

DAS THEATER glich einem Irrenhause, rollende Augen, geballte Fäuste, heisere Aufschreie im Zuschauerraum. Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Tür. Es war eine allgemeine Auflösung wie ein Chaos, aus dessen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht." So ein Premierenbesucher über die Mannheimer Uraufführung von Schillers Räubern. Nichts davon am Freitagabend in und nach der Premiere der Räuber-Inszenierung von Andreas Nathusius am Heilbronner Stadttheater.FREUDE über die Entscheidung für den SPD-Mann war auch beim Jahresempfang des Heilbronner Theatervereins hörbar. Hanne Jacobi, die Vorsitzende: "Bei Harry Mergel, da bin ich überzeugt, ist die Kultur, und damit auch unser Theater in besten Händen. Ich frage mich allerdings, warum diese Lösung nicht schon 2005 praktiziert wird." - Auch Dr. Martin Roeder-Zerndt, Intendant des Stadttheaters, war die Freude ins Gesicht geschrieben. Am Freitag war er noch fest davon überzeugt, dass Harry Mergel im Juni 2005 Kulturdezernent wird. Das Rathaus dementierte am gleichen Tag jedoch diese Vermutung. Der designierte Kulturdezernent bei der Räuber-Premiere: "Darüber wird momentan gesprochen."

DIE BÜSTE Friedrich Schillers, die zunächst auf der Allee, dann von 1960 bis 1993 hinter der Harmonie stand und lange im Museumsmagazin ihr Dasein fristete, wurde am Freitag (28. Februar 2005), kurz vor der Räuber-Premiere, als Leihgabe im Foyer des Stadttheaters aufgestellt. Die Idee wurde beim Jahresempfang des Theatervereins geboren - und ganz unbürokratisch in die Realität umgesetzt.

BLUT, STEINE, NACKTHEIT - das erinnerte Premierenbesucher doch stark an Theateraufführungen, die sie vor 25 Jahren in Berlin gesehen hatten. Die Heilbronner Räuber-Inszenierung gebiert keine neuen Sehweisen, sondern karikiert den Olympier Schiller gelegentlich. Wenn Schiller hören würde, an welchen Stellen in Heilbronn gelacht wird, er würde ... Die Schauspieler geben kaum Dialoge, sondern deklamieren ihre Texte vielfach frontal ins Publikum: die Bühne als moralische Anstalt. Eine saufende Studentenhorde, die stark an schlagende Verbindungen erinnert, mutiert wie selbstverständlich zur terroristischen (Räuber-)Bande. Die Brüder Franz und Karl sind in dieser Interpretation gleichermaßen un- und sympathisch. Folgerichtig liefert sich Räuberhauptmann Karl Moor auch nicht zum Schluss der Justiz aus, sondern opfert lediglich seine Geliebte der Bande: "Ich habe Euch einen Engel geschlachtet."

RACHE PUR für ihr unerfülltes Leben leitet die Brüder Moor in Heilbronn. Die Inszenierung erinnert an Filme: Obelix und Asterix mit Felsen balancierend, die Robin-Hood-Persiflage "Helden in Strumpfhosen" steht Pate bei der Räuber-Kostümierung, die Racheengel aus "Dogma" geistern über die Bühne, und Hannibal Lecters Leichen aus dem "Schweigen der Lämmer" garnieren den Bühnenhimmel. Alles durchaus erlaubt und sinnvoll, um Schillers Räuber-Horror für heutige Zuschauer anschaulicher zu machen.

SCHAUSPIELER sind die Attraktion dieser Räuber-Inszenierung. Schauen, Lauschen, Staunen - das und noch viel mehr rufen die durchweg guten Leistungen der Akteure beim Zuschauer hervor. An der Spitze ein spielwütiger Franz Moor des Benjamin Hille.

echo am Sonntag, 30.02.2005