Montag, 30. Oktober 2017

JDU-Abschied vom echo - Rede am 18.12.2008

Der Auftrag war:
Das echo soll erfolgreich sein.
War es.


Von Jürgen Dieter Ueckert

Der Abschied als echo-Chefredakteur
in der DistelLitLounge
Cafè-Bar-Restaurant,
Sonnengasse 11, 74072 Heilbronn
Donnerstag, 18. Dezember 2008

Vielen herzlichen Dank für die Einladung,

lieber Herr Distelbarth,
lieber Herr Herzberger.

Ich habe mich sehr gefreut.

Liebe Kollegen von der Stimme.
Liebe echo-Kolleginnen und -Kollegen.

Fehlt Ihnen was? Wurde ich gefragt. Klar. Mir fehlt was sehr. Die tägliche Lektüre von BILD, Welt, FAZ - das fehlt. Genau in dieser Abfolge. Ich hatte mich daran gewöhnt. Als Axel-Springer-Fan.


Und natürlich die Redaktion – auch tägliche Routine-Arbeit wie Post - und die Kommunikation in der Redaktion. Das fehlt mir sehr.


Erinnern Sie sich: Sechzig Jahre – und kein bisschen weise – so hieß es bei mir am 21. September 2008.


Und nun? 60 Jahre alt - weder klug - noch voller Wissen, keine Eigentumswohnung und kein anständiges Auto. Was will ich mehr – fast wie bei Astrid Lindgren in ihrem wunderbaren Buch „Rasmus und der Landstreicher“ – geistig und philosophisch gesehen. Und daran werde ich mich gewöhnen müssen: mein neues Landstreicher-Leben. Das ist alles nicht gerade schwäbisch – oder gar nicht protestantisch gedacht. Dafür aber mehr meck-pomm-mäßig und sehr katholisch. Denk ich mir.


Dabei – war das alles anders gedacht. Von mir zumindest. So mit 65 in die Rente. Darauf zielten alle meine Versicherungen hin. Aber – aber - falsch gedacht, Ueckert. Der Mensch denkt, Gott lenkt.


Da steh ich nun, ich armer Tor. Und bin so klug als wie zuvor. – Dabei habe ich überhaupt gar nicht gedacht –- und was nun? Ins Kloster? Geht nimmer. Die Mönche bieten ja kein Altersheim für Redakteure an, die sich nur selber bedauern. Kloster-Versicherungen gibt es auch nicht.


Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. So heißt der schöne Spruch.  Klingt mir aber nach protestantischer Propaganda. Passt irgendwie hinein in unsere komische Welt – voller Finanzkrisen, voller lustiger Events, die vielen Tänze auf dem Vulkan. Und ich staune nur noch. Alles so schön bunt hier - wie einst Pop-Sirene Nina Hagen jaulte.


Ist ja nicht so schlimm. Das Fernsehen hat den Journalismus verändert. Journalisten sind nicht nur mehr die distanzierten Beobachter – sie sind heute Teil der Show - all over the world. Die ganze Welt eine Bühne. So wie ich jetzt im Moment - hier auf meiner kleinen Bühne.


Dabei fing bei mir alles ganz klein und lieb an. Neckar Express und Südfunk – das war doch nett. Ich als erster Praktikant 1974 beim Südfunk-Studio – bei Werner Kieser. Seminare, Sprecher-Ausbildung in Stuttgart – jede Woche. Freie Mitarbeit in der SDR-Kultur-Redaktion. Ich konnte machen, was mir so gefällt.


Theaterintendanten waren strutsauer, schrieben böse Briefe – und wir hielten das schwäbische Fähnlein des sauberen und wackeren Kultur-Radio-Journalismus hoch. Das prägt. Auch wenn kaum jemand zugehört hatte.


Trotzdem - gutes Theater wurde damals im Ländle gemacht – in Stuttgart bei Claus Peymann (heute Berlin), bei Achim Thorwald in Esslingen (heute Karlsruhe), bei Klaus Pierwoß in Tübingen oder Achim Plato in Schwäbisch Hall – mit Hans Gratzer aus Wien und Kurt Hübner aus Berlin. Beeindruckend. Das war auch die Zeit, in der am Stadttheater Heilbronn die Intendanten Walter Bison und Klaus Wagner arbeiteten und wirkten. Beide haben mich nicht sonderlich beeindruckt. Wie andere Intendanten auch nicht – so ist das im Leben.


Ähnlich wie auch die Theaterarbeiten in Pforzheim oder Jagsthausen nicht. Theater wie aus Mutters Gsälz-Topf - nett und bieder, schrieb Gerhard Stadelmaier in der Stuttgarter Zeitung, heute FAZ-Theaterkritiker.


Warum erzähle ich davon? Theater hat sehr viel zu tun mit Zeitung, Magazin, Illustrierte - auch natürlich mit Radio oder Fernsehen. Was wir in der Zeitung sehen und lesen ist nicht die Realität - nur ein Ausschnitt davon, eine Reflexion darüber. Gebrochen durch die subjektiven Sichtweisen von Journalisten – durch Verkürzung der Fakten. Die Realität in einem Brennspiegel – auch teilweise im Zerrspiegel. So ist fürchterliche, langweilige Realität konsumierbar und auch verstehbar für die Zeitgenossen. Da gibt es Regeln – Verbote und Gebote, etc.


Ähnlich wie bei der aristotelischen Dramentheorie im Theater oder gar im Film – die für Tragödie oder Komödie gelten - auch noch für Micky-Maus-Filme. So wie bei Zeitungen die Überschriften, Texte, Sätze, Buchstaben, Schriftarten, etc. geordnet sind – so ihre Wirkungen bei den Lesern entfalten – oder auch nicht.


Beispiel – ein kleines Mädchen, ein Bettelkind, erfriert in der Nacht von Silvester zu Neujahr. Eine schlichte Meldung. Sie kennen vielleicht die Erzählung: „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ - von Hans Christian Andersen. Das ist die Geschichte dazu - brutale Realität aus dem Leben, fürchterlich traurig – und plötzlich wird aus einer Meldung grandiose Literatur.


Zurück zum Journalisten-Alltag. Ich war nie ein rasender Reporter. Wie Egon Erwin Kisch. Oder wie Billy Wilder, Reporter und Regisseur, in seiner Journalisten-Komödie „Extra-Blatt“ diese Zeitung-Welt karikiert hat. Mit Walter Matthau als Herausgeber und Jack Lammon als rasendem Reporter – Zeitungsmacher, die für eine Exklusiv-Geschichte eines anarchistischen Polit-Terror-Mörders in Chicago ihre alte Großmutter verkaufen würden.


Eine lustige und gleichzeitig tragische Karikatur - das hatten wir ja auch in Deutschland im Gladbecker Geiseldrama. Da hatten sich Reporter, das Fernsehen, die Journaille nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Im Gegenteil.


Im FAZ-Feuilleton wird klug darüber nachgedacht. Dort – in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung habe ich auch nicht schriftlich nachgedacht. Denn - nun – als dieser Gerhard Stadelmaier vom FAZ-Feuilleton mir eine freie Mitarbeit für Baden-Württemberg anbot, da war ich erstaunt - und für die große Welt zu ängstlich. Und entschied mich für Radio Regional Heilbronn.


Frisch, privat und mit viel Pionier-Arbeit. Das machte mir Spaß. Wir berichteten über einen konservativen Politiker, der in einer schummrigen Bar in Hessen, Haschisch geraucht haben soll – ansonsten aber für Ordnung und Sauberkeit kämpfte. Er wurde nicht Landtagsabgeordneter. Kein welterschütternder Skandal – eine Alltags-Notiz aus der Provinz. Im Kern aber – meine ich - mit der Aussicht auf Literatur-Qualität. Wenn man es kann. Literatur im Privat-Radio? Oh, Gott, nein, das habe ich nicht gemacht. Nur schlichte Berichterstattung.


Wir haben halt ein Radio für die Heimat gemacht – mit Berichten aus aller Welt, aus Deutschland und der Region. Und das recht erfolgreich. Bis die Politik dazwischen kam und sagte, das ist uns zu erfolgreich für einen Zeitungsverlag. Und so wurde aus Radio Regional ein Radio Ton. Und das war nicht mehr mein Radio.


Den Sprung ins kalte Wasser, zum Beispiel in die FAZ-Freien-Mitarbeit, den habe ich nicht gewagt. Das war nicht mein Charakter. Lieber festangestellt in der Provinz anständig verdient - als in der Metropole vielleicht irgendwann berühmt werden – als schreibender Artist auf dem Seil ganz oben unter der Zirkuskuppel.


Und die redaktionelle Arbeit bei uns in der Provinz war ja auch erfolgreich: zunächst im Südfunk, dann im Neckar Express und nebenher beim Südfunk-Radio, später beim Radio Regional, wieder im Neckar Express und schließlich im echo. Pionier-Knochen-Arbeit auf verschiedenen Medien-Dampfern des schwäbischen Binnenmeers.


Aber - wollte ich das? Klar – die nebulöse Sehnsucht ist bei jedem Provinz- oder Metropolen-Redakteur vorhanden. Den großen Roman schreiben, den aufklärerischen, alle Skandale eines Lebens aufdeckenden, den Roman über Heilbronn schreiben – vielleicht - oh Gott, oh Gott, oh Gott – als Rentner dann irgendwann. Als Thomas-Männle vom Neckar. Den gibt es doch schon, im Selbstverlag – und keiner liest ihn.


Groß, klug und berühmt werden? Nein, sagt der Fuchs, als er die Kirschen da oben im Baum sah - die sind mir zu sauer.


Oder reich? Ja - nein – vielleicht - höchstens durch die Lotterie. Ich bin kein Kaufmann. Klar - erfolgreich mit der Schreibe – über was auch immer. Aber nach kurzem Nachdenken war mir klar, dass ich für solche Arbeit zu wenig Gaukler war. Ich liebe das Theater. War aber viel zu wenig Schauspieler, Moderator, Conférencier – in der journalistischen Wirklichkeit. Theater ist für mich ein Zerrspiegel, um über die Welt nachzudenken – aber bitte mit Distanz.


So litt ich ein wenig unter meinem nicht vorhandenen Genie - und verdiente ein wenig Geld, als Provinzler und Spießer. Und vergrub mich in die Arbeit – und ließ mein privates Leben sausen, als lustigen Film nebenher laufen. Mehr Komödie als Tragödie.


War das ein Leben? Ja, das ist mein Leben. - Dabei hatte ich wunderbare Menschen kennengelernt, die mein Leben sind. Bei diesen herrlichen und liebenswerten Menschen muss ich mich ganz herzlich bedanken. Ohne die kann ich hier nicht stehen. Sie haben mich mit ihrer Liebe gerettet – immer wieder.


In diesem Zusammenhang möchte ich mich auch beim Medienhaus Heilbronner Stimme und vor allem beim echo bedanken – für das soziale Netz, das sie mir in den letzten zwei Jahren geboten haben. Dank auch bei meinen Kollegen in der echo-Redaktion. Wie oft war ich verzweifelt, nicht nur über die aktuelle echo-Ausgabe – und Eure Unterstützung hat mir geholfen.


Denn wir wissen ja: Die echo-Redaktion ist – in welcher Zusammenstellung auch immer - so gut wie die letzte Ausgabe. Ob nun der Redaktionsleiter Ueckert oder Schwarz heißt. Der Leser will ein gutes und interessantes echo haben – egal, welche personellen Veränderungen in der Redaktion vorgenommen wurden. Ziel ist, ein erfolgreiches Medienprodukt zu kreieren. Dazu sind alle aufgefordert. Keiner darf daneben stehen und schmollen.


Ich habe die echo-Redaktion immer als erfolgreiches Team verstanden und erlebt. Ihr alle wart und seid wunderbare Teamspieler. Das hat mir sehr gut getan. Denn ich war ja schon oft eine Zumutung, nicht nur für Leute, die mich mögen und lieben.


Ich behaupte gelegentlich - selbst für Gott war ich eine Zumutung. Und jetzt muss der mich auch noch als Katholik ertragen. Aber mit seinem großen Humor, seiner augenzwinkernden Ironie und seinem gewissen Sarkasmus geht es – wie es für mich bei Jeremia 20,7 heißt:


Du hast mich verführt, oh Herr, und ich, ich habe mich verführen lassen.


Oder anders übersetzt – nicht ganz so erotisch:


Herr, du hast mich überredet, und ich habe mich überreden lassen! Du bist stärker als ich und hast den Kampf gewonnen. Nun werde ich lächerlich gemacht – tagaus, tagein; alle verhöhnen mich.


Dank Aphasie und Kavernom, gelegentlichen Sprech- und Hör-Schwierigkeiten. Das muss ich wohl hinnehmen – wie auch immer. Wie sagt mir der Weinsberger Neurologe Dr. Eppinger ernsthaft: Bei meinem Zustand kann es leicht zu Depressionen kommen.


Ich musste ihm leider sagen – ich bin aus Vorpommern, Herr Doktor. Depressionen kennen wir nicht. Nur Alkohol - und das Moor. Und davon kommt niemand zurück.


Das echo ist Gottseidank kein Moor, in dem Redakteure oder Volontäre versinken – auch wenn ich zunächst das glaubte: Als ich vor zehn Jahre wechselte – vom Neckar Express zum echo. Damals – da wollte ich nicht. Und als ich da war – wollte ich schon wieder weg. Das war nicht meine Boulevard-Zeitung, die ich mir vorstellte. Aber ich lernte dazu - mit Mühe.


Und nach rund zwei Jahren waren wir auf dem richtigen Weg. Wir wollten nicht die erfolgreiche und geniale BILD-Zeitung, eine Zeitung für Deutschland, imitieren. Wir wollten ein Boulevard-Blättchen für die Region Heilbronn-Franken machen, ein schwäbisch-fränkisches BILD'le - quasi. Und das sollte auch noch erfolgreich sein. War es.


Jetzt hatten wir im September gemeinsam zehn Jahre echo gefeiert – schön war es, sehr schön. Fast so schön wie hier. Für mich – das hatte ich schon beim 10-Jahre-Geburtstag gesagt – ist die echo-Geschichte eine gewisse Liebesgeschichte. Denn auch eine Zeitung kann man mögen, sogar lieben, wenn man mit ihr zusammenleben will.


Ich habe das echo in einem gewissen Sinne geliebt, das gebe ich zu – sogar beide – Mittwoch und Sonntag. Allerdings nicht wie Menschen. Das wäre ja auch zuviel gefordert – für einen Sünder, wie ich einer bin.


Zu dieser echo-Liebe gehören nicht nur schöne Augen machen, sondern auch Kritik und Krach. Natürlich sachlich vorgetragen – die Kollegen von der Anzeigenabteilung wissen, worüber ich rede.


Diese echo-Liebe muss für die Zeitungs-Macher allerdings heißen: die Menschen in der Region mögen. Schwäbisch gesagt: den Menschen aufs Maul schauen - und sie gleichzeitig kritisch beobachten. Und das mit Distanz, sonst glauben sie uns nichts.


Denn unsere Leser tun es ähnlich mit uns – beobachten uns sehr genau, sehr kritisch, was wir, die Zeitungsmacher, so tun oder auch nicht. Und wenn ihnen das Blatt nicht gefällt, dann werden sie böse - oder noch schlimmer: einfach ignorant - gleichgültig. Die höchste Strafe.


Wenn unseren Lesern jedoch das Blatt gefällt, dann entsteht mit der Zeit vielleicht ein Verhältnis – eine Leser-Blatt-Bindung – und wenn es hochkommt – dann kann daraus sogar eine Liebe entstehen.


Ratschläge werde ich jetzt keine geben, weder der echo-Radaktion noch meinem Nachfolger – es gibt keinen Grund. Der Zyniker würde sagen: Ratschläge gebe ich ohnehin nur noch gegen Geld. Ich drücke einfach die Daumen.


In diesem Sinne wünsche ich dem Medienunternehmen Heilbronner Stimme, den echo-Machern, Redaktion, Anzeigenabteilung – einfach dem gesamten Team, viel Glück. Vor allem aber Dir, lieber Ulrich Horndacher – Gesundheit und weiterhin Erfolg, auch ohne mich. Und den echo-Lesern für die nächsten zehn Jahre eine heiße Liebe – mittwochs und sonntags.


Vielen Dank.


Zum Wohl - auf das echo.

Sonntag, 30. März 2014

Sibel Kekilli - als Natur-Erlebnis (2004)

Ein Brief an eine Kollegin
wegen einer
Heilbronner Pornodarstellerin 

Werte Kollegin Iris Baars-Werner,

zunächst einmal möchte ich mich für Deine E-Mail bedanken. Auch wenn Du mir das vielleicht nicht glaubst.

Ich sei tief gesunken, bescheinigst Du mir. Da ich Dich telefonisch nicht erreiche, nehme ich einmal an, dass Du mich nicht anhören willst. Deshalb schreibe ich Dir jetzt noch einmal – ein wenig ausführlicher. Gib mir wenigstens die faire Chance, Dir etwas sagen zu können, bzw. schreiben zu können.

Zu unserem „Schmierenstück über die junge Türkin“ kann ich nur sagen: Die Verantwortung dafür liegt voll bei mir – da hast Du bestimmt recht.

Wenn eine junge Türkin aus Heilbronn-Böckingen während ihrer Zeit als Verwaltungsangestellte auf dem Heilbronner Rathaus Pornofilme dreht, dann die Stadt verlässt (die Gründe dafür hat sie ausführlich in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ dargelegt), auf der Straße für einen seriösen Film als Schauspielerin sozusagen aufgegriffen wird, der dann auch noch einen „Goldenen Bären“ bei der Berlinale 2004 erhält, dann ist das insgesamt gesehen bestimmt eine Geschichte für das echo.

Nebenaspekt: Wenn die mit ihr gedrehten Pornofilme noch auf dem Markt erhältlich sind, die Nackt- und Geschlechtverkehrsbilder von ihr im Internet breitest angepriesen werden, dann kennt nicht nur das vernetzte Heilbronn diese junge Dame detailliert, sondern ganz Deutschland. Das Medium „Internet“ ist schnell und umfassend, das wissen wir beide hoffentlich. Schneller als die Tages- oder Wochenzeitung.

Wenn ein junger deutscher Mann aus Heilbronn-Neckargartach, Mitarbeiter der städtischen Müllabfuhr, Pornofilme drehen würde, dann die Stadt verlässt, als schauspielerisches Naturtalent auf der Straße entdeckt wird, als Hauptdarsteller in einem Spielfilm mitarbeitet, der auch noch mit einem Preis gekrönt wird, dann wäre auch das eine echo-Story – und kein Schmierenstück.

Der junge Mann könnte auch nach seinem Studium ein Volontariat bei der „Heilbronner Stimme“ gemacht haben, währenddessen Pornofilme drehen, und später als Schauspieler für seriöse Filme entdeckt worden sein – auch das wäre eine interessante Story für das echo – und kein Schmierenstück.

Ob dieser Mensch nun eine Frau, eine junge Türkin aus Böckingen, ein Mann, ein Stimme-Volontär oder Stadttheater-Schauspieler sei  - all das spielt keine Rolle. Die Geschichte muss stimmen. Ich hoffe, dass wir uns in diesem Punkte einig sind.

Bei uns im echo stimmte sie nicht ganz.

Als die erste echo am Mittwoch-Geschichte in Arbeit war, befand ich mich noch im Urlaub. Man rief mich wegen des Wortes „Ficken“ an, das in einigen Porno-Filmtiteln der jungen Türkin vorkam. Da ich weiß, dass „Der Spiegel“, die FAZ oder „Focus“ dieses Wort im Zitat ausschreiben, mir aber nicht geläufig war, wie das Haus „Heilbronner Stimme“ einem solchen Fall verfährt, rief ich unseren Verleger Tillmann Distelbarth an. Wir einigten uns auf die Schreibweise „F...“, weil das echo keine Kaufzeitung ist, die vom Leser gewollt und bewusst käuflich erstanden wird – eine Zeitung, für die der Leser sich freiwillig entscheidet – wie zum Beispiel auch die „Heilbronner Stimme“.

Am nächsten Tag bei der A6-Vorstellung bei Audi in Neckarsulm sprach ich deshalb an und wollte auf nicht ganz geglückte – „lässige“ – Art von Dir wissen, wie Du Dich in dieser Frage entschieden hättest, oder was du rätst. Deine Antwort war mehr ein abruptes Abwenden.

Am Samstag sollte für die Ausgabe des „echo am Sonntag“ nochmals eine Zusammenfassung geschrieben werden. In der Mittagskonferenz wurde dies eindeutig von mir festgelegt. Mit dem Hinweis, dass wir keine Story über Porno-Verleger oder Porno-Händler veröffentlichen wollen. Da ich am Abend einen privaten Termin, eine Geburtstagsfeier, hatte, konnte ich die Geschichte nicht noch vor Drucklegung lesen. Ich hatte mich guten Glaubens auf meinen Redakteur verlassen.

Der hatte recherchiert – aber seine beiden Quellen in den Vordergrund gestellt. Das ließ die Geschichte in einer Schieflage geraten. Ich hatte meinem Redakteur meine Kritik an der Geschichte am darauffolgenden Montag nochmals schriftlich mitgeteilt.

Die Interview-Meldung „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung-Gespräch mit Frau Kekilli“ kam erst spät, kurz nach 18 Uhr - und nur bei dpa. Sie wurde auch nicht vom Redakteur registriert. Und deshalb konnte sie nicht – wie von mir vorgesehen, dass noch Agenturmaterial in dem Artikel verarbeitet wird – verwendet werden.

Am darauffolgenden Montag brach dann eine Leserbrief-Flut und Anrufe-Flut über mich herein – wie Du ja unschwer dem „echo am Mittwoch“ entnehmen konntest. Nicht fein und abgewogen in der Argumentation,  sondern plump und ideologisch in selbstgefällige Wolle gefärbt – aus linken bis rechten Sprachrohren dröhnend.

Das alles heißt nicht, dass ich nicht verantwortlich für die Kekilli-Stories im echo bin. Du kannst und sollst mich ruhig  voll und ganz dafür verantwortlich machen.

Ich wollte Dir mit meinen Erklärungen nur ein wenig Verständnis abringen – und Dir meine Darstellung der Dinge ein wenig differenzierter nahe bringen.

Allerdings bin ich auch der Ansicht, dass gewisse Dogmatiker von Emanzipationswellen jetzt in Erklärungsnot geraten sind.

Da wird eine junge Frau, Türkin, Nichtkopftuchträgerin, freizügig in ihrem sexuellen Verhalten, von der Straße weg für einen hochwertigen Film eines deutsch-türkischen Regisseurs engagiert - sozusagen ein Naturtalent. Und dieser Streifen, in dem von der jungen Frau sehr freizügig über Sexualität gesprochen wird, in dem sie sich nackt zeigt, auch aktiv in Geschlechtsverkehrsszenen, wird dazu hin noch mit dem „Goldenen Bären“ ausgezeichnet. Von einer internationalen Jury. Ein deutsch-türkischer Film. Endlich: Nach zig Jahren – eine Auszeichnung. Das ist doch ein Lichtblick, ein Zeichen für den Fortschritt in deutschen Landen, für die deutsche Kultur. Sozusagen geadelter Multikulti . Da jubelt das Herz eines jeden Emanzipationswilligen und Fortschrittsgläubigen.

Und dann ein Tag später: Die Schmach.

Die junge Frau entpuppt sich nicht als Laie in der Schauspielerei, sie hat zuvor rund neun Pornofilme gedreht. Für Ideologen kann und darf die zunächst freudig formulierte Argumentation jetzt nicht plötzlich falsch sein. Andererseits darf man aber auch nicht ihre Porno-Filme plötzlich gut finden.

Und da kein bösartiger, peitschenschwingender, vergewaltigender Zuhälter auftaucht, der Frau Kekilli gezwungen hat, Porno-Filme zu drehen, um sich einen schönen Tag mit ihrer schwer verdienten Kohle zu machen, deckt der Ideologe seinen Mantel der vermeintlich christlichen Barmherzigkeit und Nächstenliebe über die Vergangenheit der Frau Kekilli. Und wirft den Boulevard-Medien vor, sie betreiben Hetze, wollen der Porno-Industrie nur finanziell  in die Hände spielen, die Emanzipation der jungen Türkin von ihrer patriarchalisch-geprägten, muslimischen Vergangenheit nur hintertreiben.

Das Motto kennen wir seit der Antike: Der Überbringer der schlechten Botschaft trägt die Schuld – und wird geköpft.

Dieses Spiel ist durchsichtig – und bösartig, hinterhältig, gemein, ideologisch verbrämt. Kurz: Verachtenswert.

Wenn Frau Kekilli und ihr Regisseur glaubten, dass die Porno-Vergangenheit in seligem Schlummer  ruht, nur weil sie beide es so wollen, dann sind sie entweder dumm, naiv oder berechnend. Ich glaube – ohne dafür Beweise zu haben, Letzteres ist der Fall.

Eine derart breit angelegte Werbekampagne für einen Film im größten deutschen Boulevard-Medium hat es noch nie gegeben. Dass gleichzeitig auch noch kostenlos Werbung in vielen Zeitungen und Fernsehsendungen für die neun Pornofilme der Frau Kekilli gemacht wurde, das ist als lukratives Abfallprodukt zu werten. Da stellt sich mir die naive Frage, wer verdient an was wie viel, was gehört wem, wer ist an was beteiligt.

Dessen ungeachtet sind die Fehler, die das echo bei der Kekilli-Berichterstattung gemacht hat, nicht wegzureden oder wegzudiskutieren. Ich habe versucht, mit den Zitaten aus dem Kekilli-Interview („Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“) dann im „echo am Mittwoch“ eine gewisse Balance zu finden.

Noch ein Wort zu Porno-Filmen: Ich sagte Dir ja schon, dass ich dafür „kein Organ“ besitze. Wahrscheinlich bin ich „pervers“, dass sie mich nicht anmachen. Geschlechtsakte, ob Mann-Frau, Frau-Frau oder Mann-Mann oder gar im Rudel, auf einer Leinwand oder auf dem Bildschirm bringen mir nichts, rein gar nichts. Ich liebe es schlicht und direkt fleischlich.

Deshalb verurteile ich aber niemanden, der solche Dinge herstellt, sich gern anschaut und dabei niemanden belästigt. Mir ist es weitaus lieber, dass sich Menschen Pornos anschauen, als Kinder, Jugendliche, Frauen oder Männer zu vergewaltigen oder sexuell zu nötigen. Wenn es diesen Alternative geben sollte.

Ich werde auch keinen „naturgeilen“ Menschen verurteilen. Ich weiß um den Don-Juanismus als Krankheit beim Mann. Ein Mann, der sexsüchtig, nicht genug Geschlechtsverkehr kriegen kann, mehrmals in der Woche Partner wechselt, etc. Die Krankheit soll es übrigens auch bei Frauen geben.

Aber Sexsucht muss es nicht sein, wenn jemand gern Verkehr hat – wie Frau Kekilli, oder andere Frauen und Männer in der Porno-Industrie. Es macht ihnen einfach Spaß, es ist ihr Beruf – sie leben davon. Ich bin nicht berufen, das zu verurteilen. Vielmehr meine ich, dass ihr Tun eine sinnvolle gesellschaftliche Funktion erfüllt – wie ein Bordell auch.

Nur: Mich hat es sehr geschmerzt, dass Du, liebe Iris, so herablassend und vernichtend über mich in Deiner Mail vom 24. Februar geurteilt, ja mich verurteilt hast.

Ich hatte nicht die geringste Absicht, mit Dir über meine Arbeit oder über andere Dinge in Streit zu geraten. Im Gegenteil, ich hege große Sympathie für Dich– und hoffe, dass dieses Gefühl anhält.

Dass von Deiner Seite eine gewisse Abneigung gegen mich und meine Arbeit besteht, das habe ich wohl festgestellt. Damit muss ich leben.

Mit diesem Brief wollte ich Dich nur um eine faire Auseinandersetzung bitten, wenn sie denn schon sein muss. Ich hätte nie gedacht, dass Du mich so einschätzt, wie Du es in Deinen wenigen Zeilen vom letzten Dienstag dargelegt hast. Und das hat mich erschreckt und traurig gemacht.

29.02.2004



Mittwoch, 19. Februar 2014

echo-splitter - Schiller Büste und die Räuber (2005)

Schillers Büste und die Räuber im Theater Heilbronn

Ein Kultur-Schultes und die Räuber

Von Jürgen Dieter Ueckert

INTRIGE und Macht sind Bestandteile von Politik - auch im kommunalen Bereich. Harry Mergel, SPD-Fraktionschef im Heilbronner Gemeinderat, soll neuer Kultur-Bürgermeister werden. Laut Vereinbarung zwischen CDU und SPD. Die neue Fraktion aus Freien Wählern und Liberalen (6 Sitze) hätte mit der CDU (16 Sitze) zusammen eine Mehrheit. Nico Weinmann, Stadtrat aus dem Lager der Frei-Liberalen, stand schon bereit. Aber das "bürgerliche Lager" hatte sich bei der Abstimmung über den Theaterhaushalt selbst gesprengt: Die Frei-Liberalen stimmten mit der SPD gegen CDU und OB. Sicherheit gegen Lavieren, lautet jetzt der schwarz-rote Kampfruf.

SCHURKEN und Gutmenschen vermengen sich in Friedrich Schillers Die Räuber. 1759 wurde der spätere deutsche Klassiker in Marbach geboren; 1805 starb er in Weimar. Die Arbeit an dem Sturm- und Drang-Drama Die Räuber begann er mit 18; Uraufführung war am 13. Januar 1782 in Mannheim. Goethes Urteil über die Räuber: "Rohe Großheit, gezeugt im widernatürlichen Beischlaf der Subordination mit dem Genie."

BEIM SCHULTES-POKER in Heilbronn opfert die SPD ihren Baubürgermeister Ulrich Frey (57), um Harry Mergel (49) zunächst als Nachfolger des CDU-Ordnungsbürgermeisters Artur Kübler (57), ab 2006 dann als Kultur-Bürgermeister durchzusetzen. Die Stillosigkeit, mit der Frey der Stuhl vor die Tür gesetzt wurde, hat mit der vielbeschworenen Solidarität unter Genossen nichts zu tun. Mehr mit der Politik-Steigerung: Feind, Todfeind, Parteifreund. Jetzt wird den Genossen vorgeworfen, dass bei ihrer Politik Charakter zur Nebensache verkomme.

DAS THEATER glich einem Irrenhause, rollende Augen, geballte Fäuste, heisere Aufschreie im Zuschauerraum. Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Tür. Es war eine allgemeine Auflösung wie ein Chaos, aus dessen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht." So ein Premierenbesucher über die Mannheimer Uraufführung von Schillers Räubern. Nichts davon am Freitagabend in und nach der Premiere der Räuber-Inszenierung von Andreas Nathusius am Heilbronner Stadttheater.FREUDE über die Entscheidung für den SPD-Mann war auch beim Jahresempfang des Heilbronner Theatervereins hörbar. Hanne Jacobi, die Vorsitzende: "Bei Harry Mergel, da bin ich überzeugt, ist die Kultur, und damit auch unser Theater in besten Händen. Ich frage mich allerdings, warum diese Lösung nicht schon 2005 praktiziert wird." - Auch Dr. Martin Roeder-Zerndt, Intendant des Stadttheaters, war die Freude ins Gesicht geschrieben. Am Freitag war er noch fest davon überzeugt, dass Harry Mergel im Juni 2005 Kulturdezernent wird. Das Rathaus dementierte am gleichen Tag jedoch diese Vermutung. Der designierte Kulturdezernent bei der Räuber-Premiere: "Darüber wird momentan gesprochen."

DIE BÜSTE Friedrich Schillers, die zunächst auf der Allee, dann von 1960 bis 1993 hinter der Harmonie stand und lange im Museumsmagazin ihr Dasein fristete, wurde am Freitag (28. Februar 2005), kurz vor der Räuber-Premiere, als Leihgabe im Foyer des Stadttheaters aufgestellt. Die Idee wurde beim Jahresempfang des Theatervereins geboren - und ganz unbürokratisch in die Realität umgesetzt.

BLUT, STEINE, NACKTHEIT - das erinnerte Premierenbesucher doch stark an Theateraufführungen, die sie vor 25 Jahren in Berlin gesehen hatten. Die Heilbronner Räuber-Inszenierung gebiert keine neuen Sehweisen, sondern karikiert den Olympier Schiller gelegentlich. Wenn Schiller hören würde, an welchen Stellen in Heilbronn gelacht wird, er würde ... Die Schauspieler geben kaum Dialoge, sondern deklamieren ihre Texte vielfach frontal ins Publikum: die Bühne als moralische Anstalt. Eine saufende Studentenhorde, die stark an schlagende Verbindungen erinnert, mutiert wie selbstverständlich zur terroristischen (Räuber-)Bande. Die Brüder Franz und Karl sind in dieser Interpretation gleichermaßen un- und sympathisch. Folgerichtig liefert sich Räuberhauptmann Karl Moor auch nicht zum Schluss der Justiz aus, sondern opfert lediglich seine Geliebte der Bande: "Ich habe Euch einen Engel geschlachtet."

RACHE PUR für ihr unerfülltes Leben leitet die Brüder Moor in Heilbronn. Die Inszenierung erinnert an Filme: Obelix und Asterix mit Felsen balancierend, die Robin-Hood-Persiflage "Helden in Strumpfhosen" steht Pate bei der Räuber-Kostümierung, die Racheengel aus "Dogma" geistern über die Bühne, und Hannibal Lecters Leichen aus dem "Schweigen der Lämmer" garnieren den Bühnenhimmel. Alles durchaus erlaubt und sinnvoll, um Schillers Räuber-Horror für heutige Zuschauer anschaulicher zu machen.

SCHAUSPIELER sind die Attraktion dieser Räuber-Inszenierung. Schauen, Lauschen, Staunen - das und noch viel mehr rufen die durchweg guten Leistungen der Akteure beim Zuschauer hervor. An der Spitze ein spielwütiger Franz Moor des Benjamin Hille.

echo am Sonntag, 30.02.2005